I Am Cereals

Es ist Anfang Oktober und schon etwas kalt. Ein grüner Kombi hält am Bahnhof und nimmt wie so oft zuvor einen Reisenden auf. Quer durch die Stadt und über den Fluss, dann erneut eine Figur am Straßenrand. Ein vertrauter Ablauf für die Fahrgäste, ein oft gefahrener Weg. Aber heute ist es anders, denn heute wird alles neu sein.

Es herrscht Schichtbetrieb, personell wie auch künstlerisch. I AM CEREALS sind nicht immer im gleichen Raum, das müssen sie auch nicht, denn sie sind immer miteinander verbunden. Ben Martin, Daniel Letschka und Gerald Huber übernehmen die erste Runde, später oftmals verstärkt durch Felix Teiretzbacher. Sie sind die ersten, die auf den Stufen stehen und sich am Kaffee wärmen werden. Sie bauen das Fundament der "Galaxy", stecken den Kurs ab. Viel später sieht man hier Marcus Hufnagl, als er seine Keyboards in den ersten Stock trägt um dort Welten zu erschaffen. Christoph Richter wird gar vollends in seinem Privatlaboratorium verbleiben, wo er Nacht für Nacht mit seinen Basslinien für freudig glänzende Augen sorgt.

An jedem dieser Tage geht man mit etwas nachhause, das es Stunden zuvor noch nicht gab. Nach beinahe einem Jahr sind es zwölf Exemplare dieses Etwas, gebannt auf ein Album. Über Individualismus, die Todesstrafe, die Liebe, Lügner, den Alltag, den Tod, das Leben, das Tanzen, die Weltpolitik wird erzählt, wenn die beiden Stimmen von Gerald Huber und Ben Martin zu einem gemeinsamen Ganzen verschmelzen. Zeitgleich massieren Bässe und Beats den Bauch und die Beine, reizen den Intellekt, eine eigene Klangwelt von Keyboards und Gitarren öffnet Türen in andere emotionale Welten. I AM CEREALS haben ihre musikalische Vision messerscharf auf den Punkt gebracht, jeden Augenblick ihrer Arbeit in eine Form gegossen, der man sich nicht verschließen kann.

"Slowly, the sun sends out its army of billions and billions of rays", singt Gerald Huber verheißungsvoll, während er auf das verwachsene Nachbarhaus blickt und den Menschen am anderen Ende der Leitung Gänsehaut beschert. "An Army of Light makes me happy again" erinnerte sich Ben Martin weiters in seiner Geschichte, als ihm die Sonne in einem Moment der Trauer Trost spendete. Eine Ode an die Lebensfreude, ebenso wie "You Know What", das den Hörer direkt in einen dampfenden, von grellen Lichtern durchzogenen Club entführt ... "why don't you dance away your sorrow". Bei aller textlichen Nachdenklichkeit bleibt dennoch immer ein leichtes Lächeln auf den Gesichtern der sechs Musiker. Es ist die kindliche Freude, die Faszination einer Gruppe von Entdeckungsreisenden, die jeden Moment ihres Weges tief einatmen.

Das Kollektiv ist weit gereist, in ihrem bisherigen gemeinsamen Leben. Es gibt unzählige Geschichten, zahllose kleine Welten, die 2007 zu I AM CEREALS zusammenwuchsen. Vorsichtig, mit "French Parade" als erster Zwischenstation, die sich als Energielieferant für viele weitere kleine Schritte entpuppte. "Two Faces" und "Human Vocoder" verhalfen dem Debut "I AM CEREALS." 2009 schließlich zu Ruhm und Ehre in alten wie neuen Medien, im Standard wie bei FM4, im Musikexpress wie bei GOTV. Auch als Überraschungsgast im erlauchten Kreis der Nominierten beim Amadeus FM4 Award gab man sich die Ehre auf der Tribüne. "Are You Cereals?" fragte Gerald Huber dann unzählige Male sein Publikum, von Wien bis Zürich, vom Waldviertel bis Waldshut. Und er wird es wieder fragen.

Zurück in jenes Obergeschoß, die Forschungszentrale und Versuchsanstalt, wo man in der Erschaffung der neuen Galaxie kurz vorm Durchbruch steht. Der 21. Jänner 2011 wird Jahre später als jenes wichtige Datum gelten, das den Lauf der Dinge weiter verändert haben wird. Doch schon zuvor dringen Partikel nach draußen, wird die Overtüre als Single "Galaxy" in den Äther geschickt ... "I want to be in charge of my galaxy".

Doch auch andernorts ist eine Schaffensprozess im Gange, wird der "Galaxy" aus einer anderen Perspektive Leben eingehaucht. Einem Duo genialer Wissenschaftler gleich sind Mike Kren und Mirjam Baker Monat für Monat, Stunde um Stunde, Bild für Bild damit beschäftigt, einer Puppe namens Klaus den Weg nach draußen zu ebnen. Akribisch wird eine visuelle Parallelwelt erschaffen, die sich mit der musikalischen Schwester aufmachen wird, um die Kunde um die Welt zu tragen. In einer als Musikvideo bekannten Lebensform wird sie den Menschen begegnen ... "I want to be captain of my ship"

Text: Martin Rotheneder

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