Songs of Claire Madison

 

Songs of Claire Madison – ein Suchergebnis
Robert Rotifer

Um ehrlich zu sein, habe ich sofort “Claire Madison“ gegooglet, als ich zum ersten Mal von dieser Band hörte. Man kann ja nie wissen heutzutage, es könnte ja auch irgend so ein besonders schlaues Coverversionenprojekt sein, vielleicht ein Tribut an irgendeine obskure Siebzigerjahre-Songwriterin, von der man nicht zugeben wollte, dass man noch nie von ihr gehört hat. Immerhin soll das doch eine österreichische Band sein, und ihre Texte klingen so gut beobachtet, so ungekünstelt und wahrhaftig, dass sie sie doch wohl sicher nicht selbst geschrieben haben können.

Alles, was meine Suche im Internet – außer einem Verweis auf die eher kryptische Myspace-Seite der Band – ergab, war das Fotoalbum eines 2006 geborenen Babys, irgendeine Frau mit irrem Blick aus Memphis, Tennessee, auf Facebook und die Twitter-Seite eines Mädchens, das Zac Efron folgt. Ihr letzter Eintrag lautet: “rainy rainy rainy this weekend, 85 and sunny today.“

Das klang wenigstens nach der Claire Madison, die ich beim Hören der ersten EP von Songs of Claire Madison kennen gelernt hatte.

Jene Claire Madison, die im ersten Song “To Get Along” den Fußboden des Erzählers nass weint.

“There’s nothing else worth to tell, except for the ringing baby bells of some people you used to know / Wednesday I’ve been to a miserable rock’n’roll show,” tweetet sie in “Line Of Beauty And Grace”, einem Song, dessen Titel genauso gut auf die gleichnamige Doku über den kontroversiellen Fotografen Jock Sturges wie auf die Inschrift der Palette anspielen könnte, die der Maler William Hogarth einst am linken unteren Rand seines Selbstporträts platzierte.

Wir könnten uns jedenfalls Sturges vorstellen, wie im ersten Song der B-Seite „Summerdress“ sein Raubtierblick auf den Körper von Claire Madison unter ihrem liebsten Sommerkleid fällt. Die Kamera im Anschlag, beobachtet er sie unter dem Schutz einer Bank auf der Strandpromenade dabei, wie sie mit einem “cute little surfing boy” spricht.

Sie glauben jetzt vielleicht, ich erfinde das alles, aber SOCM’s Hauptsongschreiber Stephan Peck ist die Sorte von Konzeptdenker, der Hogarths “Linie” problemlos im Design des EP-Covers unterbringt: “Bei mir hat sich die Hogarthsche Linie immer mit dem Güterzug verbunden, frag mich nicht wieso. Jedenfalls deshalb die Dampflok im Rhythmus. Und das laute Signal auf der Gitarre.”

Ich weiß nicht, ob Peck (Stimme, Gitarre) seinen Bandkollegen Thomas Pronai (Gitarre, Bass, Baritongitarre, Stimme), Andreas Spechtl (Gitarre, Bass) und Robert Pinzolits (Schlagzeug, Omnichord) all das erklärt hat, aber ihre Vorstellungen davon, wer Claire Madison nun tatsächlich sein mag, scheinen sich auf diesen erstaunlich voll und ausgewogen klingenden, größtenteils live in einem Wiener Proberaum eingespielten Aufnahmen ideal zu treffen.

Wie sich herausstellt, hätte jede der Claire Madisons, die ich im Netz gefunden habe, die richtige sein können, denn ihre fiktive Namensbase, die den Bandnamen inspirierte, ist eigentlich eine Nebenfigur aus Peter Handkes “Kurzer Brief zum langen Abschied”, ein Buch, das Stephan Peck sich 2006 kurz vor einer Reise in die US vornahm. Figur wie Roman verkörpern für ihn gescheiterte Versuche, amerikanische Bilder und Mythen einzufangen. In seiner bescheidenen Art befand Peck, dass sich dieser Umstand gut in seine Vorstellung einer Band fügen würde, die sich gern an der Folk und Country-Musik probiert, ohne nach der diesem Genre assoziierten Authentizität zu streben: “Soll man wirklich in Nashville alles hübsch original recorden? Und sich fünf Jahre lang die Finger wund spielen, um schließlich auf hiesigen Bühnen per Pedal Steel reüssieren zu können? Für uns kam das irgendwie nicht in Frage. Textlich wie mit Genrezitaten soll das alles schon aufgerufen werden, aber halt markiert und gebrochen. So auch der ganze männliche Mythos, der da immer mitläuft. sollen ja die Songs von Claire Madison sein.”

“I know you didn’t wait for this song, but baby, here you’ve got it” (Resigned)

Statt sich durch „ehrliches“ Touren auf amerikanischem Territorium ihre Legitimität zu erspielen, bezogen die Songs of Claire Madison ihre musikalische Grundausbildung  aus dem wiederholten Konsum von “Sweetheart of the Rodeo” von den Birds, dem Werk von The Band, Bob Dylans “Basement Tapes” und “immer wieder dem unglaublichen ‘Dead flowers’,” wie Peck verrät, ohne zu klären, ob er dabei nun das Original der Rolling Stones oder die hochgeschätzte Interpretation von Townes Van Zandt meint.

Als die Stones das Lied 1971 auf “Sticky Fingers” veröffentlichten, verurteilte das Magazin Rolling Stone ihre Country-Versuche als “entsetzlich”. Interessanterweise sah Townes Van Zandt das offenbar anders.

Dass eine in Wien ansässige Band, deren Mitglieder allesamt aus dem Flachland Österreichs östlichster Provinz Burgenland stammen, sich ausgerechnet diesen wunderbaren Bastard eines von einem Haufen Briten erfundenen und im Nachhinein von einem Amerikaner eingemeindeten Country-Songs als Maßstab nimmt, passt perfekt zu Pecks ursprünglicher Idee der Band.

In jedem Fall geben die Songs of Claire Madison – trotz der einen oder anderen importierten amerikanischen Phrase oder dem amerikanischen Grundgefühl ihrer Musik – nie vor, am Ursprung ihres Idioms zu leben. Ganz im Gegenteil, “Resigned”, der letzte Song auf ihrer Debüt-10-inch, reist den ganzen weiten Weg von Tel Aviv bis zum Sherwood Forest und borgt sich dabei im Abgang noch schnell einen Vers aus “(I Can Get No) Satisfaction”.

Vielleicht war es ja doch die Stones-Version von “Dead Flowers”.

Song of Claire Madison – „Line of Beauty and Grace“ (Debut EP, 10“ Vinyl) erscheint am 25. September 2009 auf Karate Joe Rec.

 

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